Im Trubel des Alltags sind wir uns oft nicht bewusst, dass wir denken. Dann denken wir weitgehend im Automatikmodus. Oft werden wir uns des Denkens erst bewusst, wenn wir schwierigere Probleme lösen müssen. Vielleicht denken Sie sich nun: „So weit, so gut”, und fragen sich, was Denken mit Resilienz zu tun haben könnte. Ich vermute, dass es mehr sein kann, als es auf den ersten Blick den Anschein hat, ohne dass es gleich „positives Denken“ sein muss.
Im Folgenden beziehe ich mich auf das bewusste Denken und nicht auf den überwiegend automatischen Denkprozess im beruflichen oder privaten Alltag. Als bewusster Akt kann Denken auch als eine Art innerer Dialog betrachtet werden. Manchmal mit Worten, manchmal ohne.
Was dieser innere Dialog braucht, ist ein „innerer Raum“. Mir hilft hierbei die Vorstellung eines Kinosaals, der „Kinosaal des Denkens“.
In diesem inneren Raum stellt sich zunächst meist der Nachklang des Alltags oder des Erlebten ein. Laut oder leise, angenehm oder unangenehm, zieht es vorbei. Manchmal geschieht dies automatisch, wenn Menschen zur Ruhe kommen. Hier beginnt die bewusste Wahrnehmung von Gedanken.
Aus der Meditationspraxis kenne ich die Vorstellung, die Gedanken wie Wolken vorbeiziehen zu lassen. Nun, mir gelingt dies in der Regel nicht. Deshalb habe ich mittlerweile einen Zettel in Griffweite, um die vorbeiziehenden Gedanken kurz festzuhalten. Erst dann kann ich sie loslassen.
Wenn sich der innere Raum langsam klärt, mit oder ohne Zettel, und die Gedankenwolken vorbeigezogen sind, kommt manchmal etwas Neues zum Vorschein. Leere.
Für manche ist das bewusste Erleben dieser Leere zunächst nicht möglich oder nicht zumutbar. Selbst wer sich dieser Erfahrung stellen kann und möchte, empfindet sie mitunter als unangenehm und versucht, ihr durch Aktivität oder Konsum zu entkommen. Und dennoch habe ich den Eindruck, dass gerade in der Erfahrung der Leere eine Quelle liegen kann.
Während zuvor die Aufmerksamkeit auf die auftauchenden Inhalte gerichtet war, kann nun der Raum selbst bewusst wahrgenommen werden. Es ist fast so, als würde man die kurze Pause nach dem Werbevorspann im Kino nicht mit dem Blick auf das Smartphone oder dem Griff in die Popcorntüte füllen. Vielleicht bemerke ich dann, wie sich meine Aufmerksamkeit weitet und ich auch den Raum, den Kinosaal, wahrnehme.
Dann gewinnt die Vorstellung vom Denken als innerer Dialog weiter an Bedeutung. Ein Dialog im eigenen inneren Raum. Ich nehme dann nicht nur Gedanken, sondern auch den Raum selbst wahr, in dem sie auftauchen.
Nicht nur reaktives Problemlösen, nicht nur das Wahrnehmen dessen, was bedrängt und nach einer Antwort verlangt, sondern auch der Ort, an dem das Reden oder das Schweigen der eigenen inneren Stimme vernommen werden darf.
Vielleicht beginnt Resilienz dort zu wachsen, wo kurze Momente der Leere nicht sofort gefüllt werden, etwa zwischen Werbung und Filmbeginn im Kino.
Patrick Adam
05. Februar 2026