Oase

Wüstenzeiten

Resilienz – Eine Annäherung

Die Texte über den windschiefen Baum und die Kugelschreiberfeder könnten den Eindruck vermitteln, ich würde Resilienz grundsätzlich ablehnen. Dem ist nicht so. Meine Kritik gilt einer medial verkürzten Darstellung von Resilienz. 

Mit diesem Text versuche ich, mich dem Thema Resilienz weiter anzunähern. 

Resilienz wird zunehmend kritisch betrachtet, unter anderem als ein Ansatz, der die Verantwortung von Systemen auf den Einzelnen verlagert. Wer unter Belastung strauchelt, gilt schnell als nicht resilient genug. Scheitern wird individualisiert und mitunter sogar pathologisiert. Kurz gesagt: Der Mensch habe sich anzupassen, nicht das System. Insofern könnte die Forderung nach mehr Resilienz als ein Appell gelesen werden, der Selbstausbeutung fördert und Systeme gegen Anpassung immunisiert. 

Diese Kritik an Resilienz ist berechtigt, auch in meinem Denken. Und dennoch greift sie mir zu kurz. Denn das Leben ist geprägt von Belastungen, Verlusten und Brüchen. Nicht alles Negative lässt sich verhindern. Wüstenzeiten gehören zum Menschsein. Auch wenn Gesellschaften und Gemeinschaften vieles tun können und sollen, um Menschen zu unterstützen, werden solche Zeiten immer individuell erlebt. 

Hier zeigt sich für mich die grundlegende Bedeutung von Resilienz: 

Nicht als weitere externe Leistungsanforderung an den Menschen, sondern als eine mitunter unspektakuläre, aber tragende Form der Treue zum eigenen Menschsein, insbesondere in Wüstenzeiten. 

Nicht mehr, aber auch nicht weniger. 

Patrick Adam

23. Januar 2026

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