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Resilienz – Von Sprungfedern und dem Bouncing Back

Neben dem Baum ist auch die Sprungfeder ein in den Medien häufig verwendetes Bild, um das Prinzip der Resilienz eindrucksvoll darzustellen. Sie hat die Fähigkeit, nach Belastungen wieder in ihren Ursprungszustand zurückzukehren. Die Belastung kommt, die Feder wird zusammengedrückt, die Belastung geht und die Feder kehrt wieder in ihren Ursprungszustand zurück, als ob nichts gewesen wäre. Ähnlich soll es wohl beim resilienten Menschen funktionieren: Nach Belastungen soll er wieder in seine „Ausgangsform“ zurückkehren. „Bouncing back“ nennt die Positive Psychologie dies gerne. Eine tolle Sache und wieder ein Bild, aus dem sich etwas lernen lässt.

Denken Sie einmal an die Feder eines Kugelschreibers. Sie ist dafür gebaut, immer wieder zusammengedrückt zu werden, Energie zu speichern und bei Bedarf wieder abzugeben. Immer wenn Sie auf den Knopf Ihres Kugelschreibers drücken, setzt die Feder die gespeicherte Energie frei, die Mine erscheint wieder und Sie können schreiben. Vielleicht haben Sie aber auch mal in der Vergangenheit, wenn Ihnen langweilig war oder Sie neugierig wurden, die Feder aus Ihrem Kugelschreiber ausgebaut und damit herumgespielt. Sie haben sie zusammengedrückt, vielleicht zur Seite gebogen, und siehe da: Kaum haben Sie losgelassen, ist sie wieder in ihre Ausgangsposition gesprungen und konnte wieder in den Kugelschreiber eingebaut werden. Ein wunderbares Beispiel für Resilienz, könnte man sagen, und so wie die Feder sollte auch der Mensch sein, denkt sich vielleicht der eine oder andere. Aber vielleicht haben Sie die Feder nicht nur zusammengedrückt oder zur Seite gebogen, sondern wollten auch mal wissen, was passiert, wenn Sie richtig an der Feder ziehen. Nun, ein solches Bild werden Sie kaum auf Werbeflyern zum Thema Resilienz entdecken. Also besser ab damit in den Kugelschreiber, bevor jemand bemerkt, was man angerichtet hat. 

Eine Feder mag ein eindrucksvolles Beispiel für den „Wunsch” nach reproduzierbarer und verwertbarer Resilienz sein. Bouncing back bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Aber einmal eine Belastung aus der falschen Richtung und schon ist es vorbei mit der Resilienz der Feder. 

Der Mensch ist mehr als ein Stück Material, das vorhersagbar Belastungen standhält oder nicht. Die Resilienz des Menschen ist nicht so reproduzierbar wie die der Feder und dient nicht dem Erhalt der Funktionstüchtigkeit an sich, sondern dem Erhalt des Lebens. Und Leben darf, wenn Sie mich fragen, auch nicht funktionstüchtig sein. Vielleicht sehen Sie das auch so und denken bei der nächsten Gelegenheit, wenn Sie eine Feder als Sinnbild für Resilienz sehen, an die „verzogene“ Feder in Ihrem Kugelschreiber.

Patrick Adam

22. Januar 2026

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