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Wüstenzeiten

Resilienz – Von Bäumen und medialem Wunschdenken

Resilienz ist seit einiger Zeit in aller Munde und beschreibt so etwas wie die Widerstandsfähigkeit der Psyche. Häufig wird dafür das Bild eines windschiefen Baumes verwendet, der in Küstennähe aufgewachsen ist und sich Wind und Wetter angepasst hat. Ein eingängiges Bild, aus dem sich vieles lernen lässt.

Der Baum hat sich der Realität angepasst. Wahrscheinlich hat er auf einer Seite stärkere Wurzeln ausgebildet als auf der anderen. Sein Wachstum verlief unter anderen Einflüssen als das eines Baumes, der unter ruhigeren Bedingungen aufgewachsen ist. Er ist zur Seite gewachsen. Er musste es. Windschief ist er geworden, windschief wird er bleiben. Diese Anpassungsleistung war notwendig und dauerhaft. Andere Bäume derselben Art, die unter ruhigeren Bedingungen aufgewachsen sind, stehen gerade. Im Vergleich wirkt der windschiefe Baum unscheinbar. Betrachtet man ihn isoliert und ohne Kenntnis seiner Wachstumsbedingungen, erscheint er weniger eindrucksvoll. Erst im Wissen um die Bedingungen, unter denen er gewachsen ist, erschließen sich seine Kraft und seine Eigenart. Damit ist keine Abwertung verbunden, sondern lediglich eine Feststellung: Entwicklung im Sturm verläuft anders als Entwicklung im ruhigen Tal. Hier liegt auch der Ursprung der Resilienzforschung, die aus der Entwicklungspsychologie stammt. Man untersuchte Kinder, die unter schwierigen Umständen aufgewachsen sind, und fragte, warum es manchen gelingt, sich dennoch gut an das Leben anzupassen und diese Fähigkeit über die Zeit aufrechtzuerhalten. 

Vielleicht ist es genau das, was mich an der medialen Diskussion um Resilienz stört: Sie wird häufig als leicht erwerbbares Gut verkauft. Ein paar Techniken, ein paar Säulen, und schon ist man gewappnet für jeden Sturm. Ja, es gibt hilfreiche Methoden. Ja, Haltungen lassen sich reflektieren und verändern. Aber Resilienz ist kein Gratisprodukt. Resilienz hat ihren Preis. Für den windschiefen Baum, für Kinder aus schwierigen Entwicklungsbedingungen und für den Menschen an sich. Dieser Preis hinterlässt Spuren. Er formt Biografien, Eigenarten und Brüche.

Dieser Blick verschiebt den Maßstab: Individuelle Resilienz erschließt sich nicht im funktionalen Vergleich, sondern erst, wenn man die Geschichte des Baumes oder des Menschen kennt.

Patrick Adam

21. Januar 2026

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